Da mein Zug aus Paris etwas zu früh in Konstanz ankam, blieb mir noch Zeit, meine Rede vorzubereiten. Ich dachte zunächst daran, eine Rede zu verwenden, die ich bereits letzte Woche gehalten habe, anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung von Frau Ohlmer im Centre d′Art Contemporain in Paris. Ich bestellte einen Cafe und begann das bestehende Material an die Lluzi-Ausstellung in Konstanz anzupassen. Dabei blätterte ich auch im Katalog Lluzi, und suchte nach brauchbaren Textfragmenten zu Frau Ohlmers Schaffen. In einem Text von Frau Torcelli las ich:
In einem anderen Text von Frau Strauss gefiel mir folgendes Fragment besonders gut:
Während ich versuchte, diese Fragmente in mein Redekonzept zu integrieren, trafen bereits die ersten Lluzi-Besucher im Museum ein. Das brachte mich auf die Idee, die Besucher bei ihren Begegnungen mit Frau Ohlmers Werken zu begleiten und ihre Reaktionen und Kommentare aufzuzeichnen. Auf diese Weise sind einige Publikumsnotizen entstanden, aus denen ich einige ausgewählt habe.
Cristina Ohlmer ist eine Reisende.
Gegen Mittag besuchte der städtische Gärtner die Ausstellung. Als er den Raum mit den Tuschezeichnungen betrat - den Budapest-Raum - hielt er die Zeichnungen für gravierte Glasplatten, hinter denen sich matt beleuchtete Kammern befinden. Die Kammern hatten keinen Eingang und die transluzenden Gravuren waren die einzigen Pforten zu sorgfältig gestellten Szenarien des menschlichen Lebens. Diese Art der Präsentation war ihm aus naturhistorischen Museen vertraut. Sie dient dazu, bestimmte soziale Gruppen in ihrer vermeintlich ursprünglichen Umgebung zu zeigen. Er dachte, dass die Personen in den Kammern, die immer alleine, nie als Gruppe gezeigt werden, eine aussterbende Spezies der menschlichen Rasse im städtischen Raum darstellen.
Der Gärtner notierte folgende Szenarien:
Der Budapest-Raum würde ihn an die 1.5 m x 1 m grossen Glassplatten aus der Reihe Les Statistes erinnern, welche er in einer Ausstellung von Frau Ohlmer in Berlin gesehen hatte Dort waren die Umrisse von Personen zu erkennen, die sich in Bars und Cafés aufhielten. Es fiel ihm damals schon auf, dass die Personen nie eine Gruppe bildeten und er konnte nicht sagen, ob sie einsam oder alleine waren.
Glas ist gnadenlos sagte der Gärtner und ging.
Kurze Zeit später betrat ein älterer Japaner den Budapest-Raum und betrachtete die Zeichnungen mit der Lupe aus nächster Nähe. Er fragte mich, ob die feinen Schraffuren auf dem Transparentpapier mit einer besonderen Maschine angefertigt worden sein. Er bemerkte auch, dass das Papier von beiden Seiten bezeichnet worden war, was eine besonders ausgeklügelte Maschine erfordern würde. Da er bereits einige der Zeichnungen aus der Serie 6 x 11 und der Serie Libexquise erworben hatte, wusste er von dieser Zeichentechnik. Er hatte auch schon versucht, im Internet eine geeignete Zeichenmaschine zu finden, die er kopieren könnte. Er stiess dabei auf die Internetseite hausamgern.ch, wo er zwar keine fertige Maschine, aber nützliche mikroskopische Abbildungen der ohlmerschen Feinstruktur entdeckte.
Nach dem Besuch von www.hausamgern.ch beschloss der Japaner, eine Zeichenmaschine zu bauen, die zeichnet, ohne zu Ruckeln. Eine Maschine mit weichen, gummiartigen Gelenken.
Der Japaner beschloss, eine Zeichenmaschine zu bauen, die zeichnet, ohne zu Ruckeln.
Der Organist aus dem nahegelegenen Konstanzer Münster betrat den Lluzi-Raum und fragte mich, ob sein Orgelspiel hier noch zu hören sei, wenn der Wind richtig stehe. Und er wollte wissen, ob man die Hörner der vorbeifahrenden Schiffe vom See hören könnte. Es fiel ihm bei dieser Gelegenheit auf, dass er noch nie eine Kirche mit farbigen Fenstern in der Decke gesehen hatte.
Punkt 12h30 betrat eine japanische Reisegruppe den Lluzisaal und verteilte sich sofort zwischen den kleinen farbigen Seen. Eine alte japanische Tradition will es, dass man an besonderen Orten die Landschaft von unten betrachtet, also mit dem Kopf zwischen den gegrätschten Beinen. Man entdecke so die umgekehrte Beziehung zum Himmel. Eine junge Japanerin erzählte mir, dass ihr bei dieser Betrachtung der Raum wie eine unterirdische Grotte erschien. Eine Grotte mit Muscheln an der Decke, die mit farbig leuchtendem Perlmutt ausgekleidet sind und die sich in einem unterirdischen See spiegeln. In dem See erkannte sie die Spitze eines Kirchtums, der zu einer versunkenen Stadt gehören muss.
Höllentalbahn, 2005
man sieht zwischen den Sitzen zwei junge Männer (Jugendliche) im Gespräch,
viel Zugsitz; wenig Lichtblitz erhellt die Gesichter, es ist Winterdunkler Dezember; früher Abend; Talfahrt + von Konstanz zurück nach Freiburg
Schliesslich betrat erneut der städtische Gärtner das Museum. Er sagte mir, dass ihn der Lluzzi-Raum an seine letzte Reise erinnert. Als er mit dem Regionalzug auf der alten Bahnlinie von Paris nach Budapest reiste, durchquerte der Zug eine dünnbesiedelte Landschaft zwischen Strassbourg und den Vogesen. Die Strecke führt kurz vor der Grenze über einen Pass, den Col de Lagrange und dann über eine moorige Hochebene, die mit unzähligen kleinen, schwarzen Seen besprenkelt ist. Das Gebiet heisst Le Domaine des Milles Etangs. Das Gebiet der tausend Seen.
Es ist schön, wenn man durch eine Ausstellung geht und einige Publikumsnotizen bei sich hat. Man kann diese Notizen in unterschiedlicher Reihenfolge lesen. Auch kann man das Lesen rythmisieren. So entsteht eine Art Kaleidoskop der Illusionen und Halluzinationen.
Das Orgelkonzert. Eine gemischte Jury - ein Japaner, ein Armenier, ein Kanadier, eine Französin, eine Georgierin und eine Schweizerin sitzt in einer Reihe, wird von farbigen Licht beleuchtet und wartet auf die Aufführung hier am 8.März.
Ein Kaleidoskop aus bunten Folien und Filmen, Scheiben und Schüsseln, jene mit nachtblauem Rand von Reisenden aus Japan und Usbekistan geschmuggelt.
Mehrere Dutzend kleiner Schüsseln mit nachtblauen Rand stehen am Boden und durch die Glasfenster der Decke dringt leise Orgelmusik aus der nahegelegenen versunkenenen Kathredrale. Zur gleichen Zeit ist Frau Ohlmer zu Gast bei einem der letzten Kirchenfensterbauer in Budapest und forscht nach hydrophilen Farbpigmenten, die sich vollständig in Wasser und Glas auflösen und auch nach langer Zeit nicht ablagern.
Aus den Budpast-Kammern dringt ein matt-weisses Licht, die japanische Reisegruppe wurde in die Kammern gesperrt, in jede Kammer eine Person. Auf den Glasplatten zeichnen sich die Umrisse ihrer Gesichter ab, teils mit plattgedrückten Nasen, mit Fisch, ohne Fisch, Rücken zum Fenster, Bauch zum Fenster.
Einer der Budpast-Kammern Bewohner, der Japaner in der Experimenten-Kammer, tüfftelt an seiner Gummizeichenmaschine. Er sucht nach Gelenken für kleine, präzise abgestufte Zeichenbewegungen, Gelenke für den Moment, in dem die Idee in Bewegung übergeht, für den Noch-Ruhemoment.
Ein Kaleidoskop aus bunten Folien und Filmen, Scheiben und Schüsseln, jene mit nachtblauem Rand von Reisenden aus Japan und Usbekistan geschmuggelt. Mit dem Kopf durch die gegrätschten Beine betrachtet, muten die Schüsseln wie Muscheln an, die an der Decke sitzen und Fotosteine ausbrüten.
Der zerissene Spiegel am Eingang, der Riss im Spiegel, der Riss in der Wand, den Frau Ohlmer im georgischen Goethe-Institut in Tiblissi an die Wände malte, mit Buntstiften, die sich zum Malen von farbigen Schatten eignen.
Aus den Budapest-Kammern dringt ein leises Murmeln in den Lluzi-Saal. Die Japaner haben begonnen zu sich zu finden, sich in ihren Einzel-Kammern neu einzurichten. Eine Tischlampe wechselt den Ort, der tote Fisch, wahrscheinlich ein Stör, wird von seinem Kleiderhaken abgehängt, über kleinen Schüsseln mit nachtblauem Rand ausgeweidet und im Wandschrank verstaut. Unter jedem Bett ein emaillierter Nachttopf und aus einer Kammer zirpt die Zeichenmaschine mit Gummigelenken und versucht Frau Ohlmers Arbeiten immer wieder zu kopieren, abzuschreiben, umzuschreiben. Sie scheitert an den Schraffuren in Kreisform, denn die Kreisschraffur ist eine Art Clin dOeil ein Augenzwinkern, das Frau Ohlmer den Betrachtern mit auf die Reise gibt. Ein Wasserzeichen als Kopierschutz.
Der Japaner lässt seine Gummimaschine an Schüsseln üben, mehrere dutzend Schüsseln werden mit farbigen Zeichen belegt und hier im Lluzi-Saal lagern sich die Texte der Besucher und Historiker in farbigen Pigmenten als Wasserzeichen ab. Sie sedimentieren auf den Böden der kleinen Seen, später nimmt Frau Ohlmer die abgelagerten Texte in eines ihrer halbdurchsichtigen Labors und entwickelt tagtäglich die latenten Bilder ihrer Visionen und Halluzinationen. In der japanischen Welt betrachtet man die besonderen Landschaften mit dem Kopf nach unten durch die gegrätschten Beine. Deswegen hat der Bodensee den niedrigsten Pegel seit Jahren und die nachtblau-weiss emaillierten Schüsseln kreisen wie kleine Boden-Planeten durch den Lluzi-Raum.
Es ist schön, wenn man durch eine Ausstellung geht und einige Publikumsnotzien bei sich hat - eine Art Daumenkino. Aber an dieser Stelle ist es Zeit meine Rede zu beenden, damit sie noch Zeit haben, vor dem Abendessen ihre eigene Notizen zu machen. Ich schenke meine Publikumsnotizen der Künstlerin Cristina Ohlmer mit Dank für ihre Erfindungen. Und wenn sie Lust haben, fest an das frei Erfundene zu glauben, dann bekommen sie ja vielleicht auch das eine oder andere geschenkt.