Als ich gestern in meiner Arbeitsstube sass, da klopfte es. Ich wurde gefragt, ob ich nicht zufällig einen Vortrag hätte, für das 6. Festival für zeitgenössische improvisierte und komponierte Musik. Das Thema des Festivals lautet: "Die Schmiede".
Da ich nichts vom Komponieren verstehe und auch nichts vom Improvisieren, beschloss ich, meinen Vortrag auf das Zeitgenössische zu konzentrieren. Und auf das Thema.
Sehen wir uns das Thema genauer an. Schmiede.
SCHMIEDE. S-C-H-M-I-E-D-E. Das sind acht Buchstaben. Die letzten vier Buchstaben lauten I-E-D-E. Tauschen wir den dritten mit dem zweiten Buchstaben, dann ensteht: I-D-E-E. Schmiede - 8 4 3 2 - Idee. Die "Ideenschmiede". Schmiede - 8432 - Idee. Vom Thema zurück zur Idee in 4 Schritten.
Wie kommt der Zeitgenosse vom Thema zurück zur Idee. Das ist das Thema meines Vortrags.
Gehen wir aus von einem typischen Festival mit seinem Thema. Begleiten wir einen Teilnehmer zurück zu den Quellen seiner Ideen. Seiner eigenen Ideen. Vom Thema zur Idee. In vier Schritten.
Schmiede - 8432 - Idee. Vom Thema zurück zur Idee in 4 Schritten.
Versuchen wir uns vorzustellen, dass der beleuchtete Raum hier der Innenraum des Zeitgenossen sei. Die Ober-Stube im Kopf des Zeitgenossen, in die Ideen kommen und herumfliegen. Die Stube liegt hoch über der Stadt, aber die einzige Treppe zu ihr führt immer abwärts.
Der beleuchtete Raum ist der Innenraum des Zeitgenossen.
Eine Art Turmstube, aber mit sehr hohen Fenstern und schiefen Wänden. Wir befinden uns an einem Abend, im Sommer, im Kopf des Zeitgenossen, der hier ein neues Werk beginnt. Für ein Festival mit Thema.
Der erste Schritt zurück vom Thema zur Idee heisst: die Begegnung
Unser Zeitgenosse sitzt am Klavier und wartet auf Ideen. Doch da kommt Thema schlürfend die Treppe hinunter. Es ist eine heisse Hoch-Sommernacht, und Thema öffnet erschöpft und schweisstriefend alle Fenster, bis auf eines. Aber Erschöpfung und Schweiss kommen nicht von Sommer sondern von Sitzung, von der Thema jetzt zurückkommt. Thema ist seit kurzem Mitglied der Künstlergruppe 84 32, einer Gruppe mit dem Motto: "Ich habe keine Idee, aber lasst es uns gemeinsam tun". Thema war dieser Gruppe beigetreten, weil es manchmal einsam in der Stube war.
Aber jetzt ist Thema froh, wieder in der Stube zu sein. Thema macht sichs bequem, im Kopf des Zeitgenossen, der nach Ideen sucht. Thema sitzt im Kopf und gönnt sich ein Häppchen vom linken Kleinhirnläppchen. Doch unser Zeitgenosse spürt noch nichts von seinem Termitenthema. Er sitzt arglos am Klavier und sucht nach neuen Tönen.
Man liebt Töne mit einem Hof, Tonhöfe, denn zum guten Ton gehört ein Hof und ein kreisförmiger Schweif.
Doch immer, wenn man nach schweifenden Tönen sucht, dann breitet sich Thema aus, im Oberstübchen, räkelt sich am Fenster, schnappt nach Fliegen und klebt an den Tönen. Man versucht dann einfach so zu spielen, spontan und spielerisch, um neue Töne anzulocken. Aber ach, es kommen nur Fliegen.
Hier stagniert der Arbeitsprozess unseres Zeitgenossen. Er hockt hinter seinem Thema, wie die Fliege hinter dem verschlossenen Fenster. So spielt er Nacht um Nacht und spürt zwar ab und zu einen Funken, doch bevor die Zeit kam, den Funken zu bergen und zu schmieden, mit Handwerk und Fleiss, da kamen lauter Klänge und schlugen den Funken in der Nacht.
Unser Zeitgenosse ist dem falschen Thema begegnet. Einem Thema, dass sich aufdringlich und breitfüssig in der Oberstube einnistet und jeden Funken einer Idee zertrampelt, bevor sie wachsen kann.
Im zweiten Schritt versucht der Zeitgenosse, sich Themas Einfluss zu entziehen. Er tut dies, indem er die Stube verdunkelt. Der zweite Schritt heisst deshalb: die Verdunkelung.
Die Funken glimmen nur manchmal, wenn man im Dunkeln dämmert und Thema träumt. Dann glimmt der Geist in der Stube und ein glühendes Würmchen schlüpft und windet sich wie die Made im Speck.
Am liebsten sitzt Geist in den Winkeln zusammengestürzter Stuben ...
Am liebsten sitzt Geist in den Winkeln zusammengestürzter Stuben, da verborgen, sich selbst verborgen,stichelt er an seinen besten Stuecken, welche alle sehr kurz sind, oft nur einen Takt lang.
Im zweiten Schritt, zurück zu den Ideen, hat unser Zeitgenosse Thema zum Träumen gebracht. Das war ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
Thema träumt, dass Es zugleich Funke und Schmied sein muss. Der Funke ist der Vulkan in der Mitte der Stube und der Schmied ist das Meer um die Mitte. Dort fallen die glühenden Brocken in schöne Formen und machen Kreise.
Der Traum ist die Vorstufe zur Improvisation. Deswegen beginnt unser Zeitgenosse mit Thema zu improvisieren. Der dritte Schritt lautet: Improvisationen mit Thema.
Als Thema noch von sich Reden machte, schien Es in sicherem Abstand auf einem weissem Glückschiff auf dem glasklaren Vierwaldstätter-See zu sitzen und zu beten. Es betet zum Vulkan und wartet, dass der Vulkan kleine, blutigen Brocken ausspuckt. Es wartet als Zeitgenosse mit spontanen Ideen. Und wenn gar noch andere Mit-Genossen aufspielen, die 8432 und 0815 Genossen, denen es freundlich immer wieder zulächelt, als ob nichts im Trüben liegen könnte, dann sind selbst die wenigen blutigen Brocken nicht zu sehen, verdeckt von harmonisch-grauem Ascheregen, der leise und anmutig auf den seichten See rieselt. Und nie zur Form wird, nur zu Fischfutter.
Als noch von Thema die Rede war, da war Thema die Fliege, die nicht weiss was ein Fenster ist, nicht weiss was ein Kreis ist, die versucht saubere Kreise zu fliegen, ohne zu wissen, dass es geschlossene und geöffnete Fenster und Kreise gibt. Es war die Fliege, die immer wieder spontan und direkt mit dem Kopf voran durch das geschlossene Fenster der Stube will.
Als Thema noch was wollte, da kamen Fliegen zum Kreisen, flogen falsche und echte Kreise und andere Formen in den Kreisen auf den Wänden mit den Fliegen für Themas Kreise.
Thema traeumt vom Fliegen und denkt an den Kollegen Jeff Goldblum, den Forscher, der einst versuchte, sich von einem Ort an einen anderen Ort zu projezieren.
Thema traeumt vom Fliegen und denkt an den Kollegen Jeff Goldblum, den Forscher, der einst versuchte, sich von einem Ort an einen anderen Ort zu projezieren. Durch den Raum, ohne Räder nur mit Luft. Er stieg in eine Kapsel. Die Dekompositionskapsel. In der Kapsel war eine Scheibe, mit Blick auf eine andere Scheibe in einer anderen Kapsel. Die Rekompositionskapsel. Leider sass beim Projezieren eine Fliege auf der Scheibe. Der Forscher wurde langsam zur Fliege, zur Kunst-Fliege mit allen Kräften des Vulkans. Die komponierte Fliege ätzte an Gliedmassen und zeugte einen menschlichen Wurm. Bei der Hebung glühte das Entsetzen im Gesicht der Amme und der Wurm glitschte aus ihren Silikonhänden und fiel als Asche zu Boden.
Als Stübchen aus ihrem Kreativtraum erwachte, war sie froh, das es nicht ihr Baby war. Um sich zu beruhigen, improvisierte sie ein Weilchen:
Da nahm der Schmied den Löffel und schlug die Fliegen platt.
Unser Zeitgenosse improvisierte solange mit Thema, bis aus Thema einen Themenschwarm geworden war. Eine Wolke von Themensamples. So entstanden unzählige neue Kombinationen, die bisher wie Fliegen an speckigen Wänden hockten und nicht teilnahmen.
Im vierten und letzten Schritt lösen sich die Themensamples weiter auf und werden eins mit der Stube. Stube schreibt schliesslich an einem kurzen Stück - nur einen Takt lang -, in dem sich das Summen einer Fliege bei jedem Aufprall gegen die Scheibe mit dem Summern einer Fliege überlagert. Stube denkt an die Rekursion der Fliegen. Die Fliegen prallen gegen Scheiben, bis die Funken fliegen und einer dieser Funken regnet in Themas Klaviatur und wenn gerade Zeit war zuzuhören, dann beginnt das Schmieden und das Schweifen.
Und damit ist auch der 4. Schritt abgeschlossen und Thema ist eine fixe Idee. Deswegen ist es jetzt auch Zeit, meinen Vortrag zu beenden, um in meine Arbeitsstube zurückzukehren.
Aber wenn sie Zeit haben, dann können sie selbst ein Thema zu wählen, wenn sie es wählen können. Am besten im Sommer, wenn Tod und Teufel und Gott schon gegen die Scheibe geprallt sind und als Eintagsasche zu Boden liegen. Am besten in einer Stube mit schiefen Wänden und hohen Fenstern: eines offen, alle anderen geschlossen.
Peter Vittali (elektrifiziertes Klavier) und Marianne Schuppe (Stimme)
Marianne Schuppe
... und Harald Kimmig (Geige), Sarah Giger (Traversflöte)
... und Daniel Mouthon (Stimme), Christian Dierstein (Schlagzeug), Christoph Schiller (Spinett), Birgit Ulher (Trompete), Dieter Ulrich (Schlagzeug).