vorne dinge hinten

Wege, um an einer Aussstellung vorbei zu gehen

Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung There are no readable moments von Sara Masüger, Verwaltungsgebäude Zug 2006

Als ich heute in Basel die Nachricht erhielt, dass ich eingeladen bin an einer Ausstelllung zu sprechen, freute mich das sehr. Ich machte mich sofort auf den Weg und hatte für die Zugfahrt noch diese beiden Büchlein bei mir. Am Aabach angekommen, sah ich verschiedene Umwege zum Ziel meiner Reise. Ich konnte zum Empfang gehen und fragen, oder in die Mensa gehen und sitzen, oder ins Sitzungszimmer gehen und zuhören.



vorne
Bild 1

Ich suche Wege, um an einer Ausstellung vorbeizugehen, die ich besuchen möchte.


Während ich am Eingang stand, fragte mich ein Passant: Suchen sie etwas ? Ich antwortete: Ich suche Wege, um an einer Ausstellung vorbeizugehen, die ich besuchen möchte. Ich vermutete, dass die beiden Büchlein dabei hilfreich sein könnten.

Die Büchlein

Auf diesem Büchlein ist ein kleiner Mensch zu sehen. Dazu steht in Handschrift:

I have a rabit for you.

dinge
Bild 2

I have a rabit for you.


Das Büchlein wurde herausgegeben an der Reichsakademie der bildenden Künste in Amsterdam. Dort hat Sara Masüger einige Jahre gearbeitet. Auf der Rückseite ist ein noch kleinerer Mensch zu sehen. Dazu steht in Druckschrift: Sara Masüger Rijksakademie van beeldende kunsten Amsterdam 2003.

Wenn einer nach Hause geht nach all diesen Dingen, dann erkenn ich mich wieder.

Das andere Büchlein entstand gemeinsam mit der Galerie Billing Bild in Baar. Diesmal der Mensch Name in Blockschrift, dazu in Handschrift: Dognigths will find you.
In diesen Büchlein begegnen wir den kleinen Personen.

Someone told me you are twenty five.

Die Buchstaben

In der Welt von Sara Masüger treffen wir auf kleine Menschen, kleine Tiere und kleine Gespenster. Es sind kleine Personen, die der Sprache begegnen, vielleicht zum ersten Mal. Sara Masüger hilft Ihnen mit handgemachten Buchstabensätzen. Die Buchstaben sind zu Besuch und die kleinen Personen tasten sich zögernd heran, an das Unsägliche. Dabei versprechen sie sich.

Buchstabensätze

Sara Masüger leiht den kleinen Personen die Sätze der Besucher. Während den Open Ateliers in der Reichsakademie, hatte Sie eine Wand in ihr Atelier gezogen, hinter der sie, unsichtbar, die Kommentare der vielen Besucher notierte. Tagelang. Auch im Museum Rietberg in Zürich, hörte sie als stumme Beobachterin den Besuchern zu. Sie stenografierte in Büchlein, welche noch viel kleiner waren, als diese es sind.

Die Grossen suchen nach Meinungen und sind an die Sprache gebunden.

Zu den stummen Beobachtern gehört auch das grosse Tier. Es wird in den nächsten Wochen hier die Texte der Passanten hören und in seinen Hof einschreiben. Sara Masüger leiht den kleinen Personen die Sätze der Passanten. Handverlesene Buchstabensätze. Aber die Buchstaben sind nicht an das Buch gebunden, sie fallen zu Boden als Stäbchen und werden wortlos und unleserlich.

Das Stäbchenhafte der Sprache im Hof des stummen Beobachters.

Stäbchen

Dognights und die Gespenster. Wenn das Denken versucht, sich aus dem Gebinde der Sprache zu lösen, dann beginnt das Buchstabieren. Die Sätze fallen zu Boden, als Stäbchen, als Bruchstaben, beginnen zu brüten und das Tier bleibt stumm. In den nächsten Wochen wird das Tier die Worte der Passanten hören und in seinen Hof einschreiben. Einige der Worte werden vielleicht ausgelesen und weitergereicht, wenn Sara Masüger im Sommer wieder an den eidgenössischen Wettbewerben in den Messehallen von Basel teilnimmt. Sie reicht ihre mattweissen Worte durch die Orte der Funktionen. Orte an denen die Sprache dazu drängt, Funktion sein zu dürfen. Sprache wird Funktion und Geist wird Formel. Sprache gleitet als glitzerndes Lesezeichen über Areale, hat Angst vor kleinen Gespenstern und spiegelt sich im Boden. Dort begegnet sie vielleicht einem mattweiss-brüchigen Stäbchen. In den nächsten Wochen öffnen sich den Besuchern viele Wege, um an der Ausstellung am Aabach vorbeizugehen. Sie können zum Empfang gehen, um Antworten zu suchen, oder in die Mensa gehen, um Süppchen zu kochen, oder ins Sitzungszimmer gehen, um Hühnchen zu rupfen. Während sie gehen, wird das grosse Tier stumm bleiben, auf dem Boden wird es bröseln und faseln und das Denken wird vor sich hinbrüten. Ich werde jetzt an die Heimreise denken und das Wort an die Arbeit und ihre Leser weiterreichen.

Ausschnitt
Bild 3

... auf dem Boden wird es bröseln und faseln und das Denken wird vor sich hinbrüten.


Heimreise

Wenn ich jetzt nach meinem Besuch in Zug nach Basel zurückreise, mit den beiden Büchlein, dann wird mich beim Hinausgehen wahrscheinlich niemand fragen, ob ich etwas suche.

Eigentlich schade, denn die Suche geht weiter:

Wenn einer nach Hause geht nach all diesen Dingen, dann erkenn ich mich wieder.



© Peter Vittali, 2006