Anfang Schatten Kabel

Verwenden Sie die Spitze über dem Zentrum !

Ein Vortrag zur Ausstellung Top of Central Switzerland Kunstmuseum Luzern 2007/2008

Als Vorarbeit zu diesem Vortrag ist ein Artikel in [0] erschienen : "Verwenden Sie die Spitze über dem Zentrum"

Zeitunglektüre (mir laut selbst vorgelesen)

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... Dieser Spray würde aus der Luft über Verdächtige zerstäubt und Kleider und Haut mit "genetischen Etiketten" durchdringen, die der Polizei eine spätere Identifikation ermöglichen.


Das Rätsel

Als ich heute morgen in meinem Arbeitszimmer in der Dunkelkammer sass, da wurde ich gefragt, ob ich nicht Zeit hätte, im Rahmen dieser Ausstellung einen Vortrag zu halten. Thema: Die Entstehung der schweizerischen Weihnachtsausstellungen am Beispiel der Ausstellung tcs. Dieses Thema passte ausgezeichnet zu meiner Zeitungslektüre, in dieser sorgfältig ausgeklügelten Vermischung aus Wichtigem und Unwichtigem. Dieser Kaffeesatz aus Warm und Kalt, aus dem allmorgentlich zu lesen ist, wie das Private der Demokratie und das Zivilrecht zu einer Art demokratisierten Kriegsrecht zusammenbacken. Scheinbar unbemerkt als permanenter Ausnahmezustand. Aber bevor ich mit der Arbeit an meinem Vortrag zum Thema Weihnachtsausstellung beginnen konnte, musste ich noch ein Rätsel lösen. Ein Rätsel, in dem das Unwichtige und das Wichtige schön voneinander getrennt sind. Es ist das neun Quadrate Rätsel. Es lautet: verbinden Sie die neun Quadrate mit höchstens 4 Geraden, ohne abzusetzen. Hier zwei (falsche) Lösungsversuche:

mit Laserpointer die Verbindungen zeigen

versuch 1
Versuchen wir uns vorzustellen, dass dieser Stift ein Kabel wäre. Dann darf das Kabel nicht zerschnitten werden. Ich grübelte einige Tage an diesem Rätsel, kam aber nicht weiter. Bis dann eines Morgens die Sonne aufging, und das Kabel der Arbeitslampe über dem Tisch in der Zimmermitte einen Schatten an die Wand warf. Etwa so. Ich dachte, dass dieser Schatten eine Bedeutung hat, weil er ja nicht da ist, wo das Kabel ist.


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Ich dachte, dass dieser Schatten eine Bedeutung hat, weil er ja nicht da ist, wo das Kabel ist.


Der kreative Prozess

Ein Schatten ist etwas Paradoxes und deshalb eine ideale Grundlage für kreative Arbeitsprozesse. Denn manche solcher Prozesse beginnen, in dem man sich an der Stelle etwas vorstellt, wo man selbst nicht steht. Ich versuche mir also vorzustellen, dass neben den 9 Quadraten noch ein 10. existiert. In Schattenlage. Und dort gehen wir jetzt hin. Ich ziehe die erste der höchstens 4 Linien entlang der Schattenlinie. Von einem gegebenen Quadrat hier unten zu einem gefundenen Quadrat hier oben. Der zweite Schritt im kreativen Prozess ist es dann, das Paradoxe, aus dem Herauszuheben, was schon immer da war, bewusst oder unbewusst, das Traditionelle, das Orthodoxe. Denn das Paradoxe verhält sich zum Orthodoxen, wie das Wichtige zum Unwichtigen. Die Anordnung hier ist bewusst so gewählt, dass sie bei der Lösung des Rätsels möglichst viele Horizontalen und Vertikalen sehen, und viele Kästchen und Rähmchen. Nun sind Kästchen und Rähmchen an einer Ausstellung für zeitgenössische Kunst an sich nichts ungewöhnliches, vielleicht gar etwas unbewusst Orthodoxes. Deswegen ist es unsere Aufgabe, etwas zu suchen, was aus dem vertrauten Rahmen der Horizontalen und Vertikalen herausfällt. Zum Beispiel eine Diagonale. Nehmen wir also die nächstgelegene Diagonale.

Holzstab von der Wand nehmen

Ich vertraue dieser gefundenen Diagonale und ziehe die zweiten von höchstens vier Linien. Auf diese Weise finde ich ein weiteres wichtiges unsichtbares 11. Quadrat.

Das Potential der Ausstellung

Jetzt ist schon genug kreative Aufwärmarbeit geleistet, um mit den Vortrag über die Geschichte der Weihnachtsausstellung beginnen zu können. Was ist wichtig und was ist unwichtig ? Wodurch unterscheidet sich dieser Vortrag, von einem anderen, eine Etage tiefer, über die Geschichte der schweizerischen Naturschutzparks ? Das Paradoxe ist das Wichtige, und das Wichtige ist zunächst nicht sichtbar. Im öffentlichen Raum sind das die Überwachungskameras, die ferngelenkten Überwachungsdrohnen und die elektronischen Trojaner, die das deutsche Innenministerium gerne auf dem Schwarzmarkt für Computersabotage kaufen möchte, um seine Bürger zu bedrohen. Die Kunstausstellung hat deswegen die Aufgabe, einen Raum zu schaffen, der nicht öffentlich ist. Ein Raum, der von oben gesehen, in einer geringeren Dimension zu Tage tritt. Wie eine Pyramide, die von oben aussieht, wie ein Quadrat. Die Spitze über dem Zentrum des Quadrats. Der von oben unsichtbare Raum unter der Spitze über dem Zentrum ist das Potential der Ausstellung

Handgeste

Die Lösung des Rätsels

Aber ich bin vom Thema abgekommen und kehre zurück zum 9 Quadrate-Rätsel. Ich kehre zurück und gehe vom unsichtbaren 11. Quadrat zurück zum Ausgangspunkt. Sieht bereits jemand die Lösung des Rätsels ? Ich persönlich grübelte einige Tage an dem Rätsel, ohne weiter zukommen. Bis dann eines abends das Licht hinter der Dunkelkammer verschwand und die weissen Zetteln an den Wänden für die Ideen von morgen profitieren einige Momente von Schattengekritzel mit dem beglückenden Hinweis auf die dritte Dimension im eigenen Zimmer mit seinen Potentialen, einerseits unter der Spitze über dem Quadrat als aufklappbare Pyramide , als Taschenpyramide, andererseits einfach als Kabel mit Potential an der aüssersten Spitze. Sieht bereits jemand die Lösung des Rätsels ? Verbinde alle 9 sichtbaren Quadrate mit nur 4 Linien, ohne das Kabel zu zerschneiden. Der kreative Prozess ist dann geglückt, wenn sich das Paradoxe als Teil einer zunächst unsichtbaren Dimension entpuppt. Anders gesagt: der Prozess glückt nur, wenn die suggerierten Rähmchen und Kästchen verlassen werden können. Der Weg führt über wichtige unsichtbare Ecken und daran führt kein Weg vorbei, denn sonst sind es die zeitweise zugesagte, privaten, Ecken, die verlassen werden. Scheinbar unbemerkt. Natürlich ist das Rätsel an sich völlig unwichtig. Wichtig ist nur zu sehen, dass das Wichtige ausserhalb der bekannten Aufgabe liegt. Anders gesagt: Nicht die Aufgabe ist wichtig, sondern das Problem. Und das ist das Paradoxe, von dem ich eingangs sprach, .... im Zusammenhang mit den Weihnachtsausstellungen.

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Bild 3

... wie schön es wäre, wenn ich und andere das Potential einer Kunstausstellung für diese und andere kreative Arbeitsprozesse nutzen könnten. Vielleicht sogar ohne die Ausstellung zu besuchen.


Die Dunkelkammer

Nachdem ich dieses Rätsel eher zufällig gelöst hatte - mit dem Schatten des Kabels an der Spitze über dem Zentrum – nachdem ich dieses Rätsel eher zufällig gelöst hatte, dachte ich mir, wie schön es wäre, wenn ich und andere das Potential einer Kunstausstellung für diese und andere kreative Arbeitsprozesse nutzen könnten. Vielleicht sogar ohne die Ausstellung zu besuchen. Auf der Suche nach einer geeigneten Lösung stiess ich auf folgenden Text von Paul Valery:

“In diesem (kreativen) Prozess gibt es das Stadium der Dunkelkammer, in dem kein Übereifer herrschen darf, sonst wird die Platte verdorben. Der Meister hat den Funken gestellt, es ist dein Job, etwas daraus zu machen. Hier ist Dynamik, eine besondere Art der Sensibilisierung; bald wirst du in die Dunkelkammer gehen und das Bild wird sich langsam entwickeln.” (Paul Valery)

Mich hat dieses Bild der Dunkelkammer sehr fasziniert. Ein kompakter Raum, in dem Dinge, die zunächst nicht sichtbar sind und vielleicht wichtig sind, langsam entwickelt werden. Und sehr sparsam, ein Fünckchen scheint zu genügen. Also suchte ich etwas, was funkelt und glitzert, etwas was vielleicht mit dem Denken verbunden ist, und da kam mir die Sprache in den Sinn. Das Glitzern der Sprache. Das Glitzern der Sprache vor den künstlichen Kristallen der Photoplatte, auf der sich langsam Bilder entwickeln, die einen entlang schräger Linien dorthin begleiten, wo man selbst nicht hin geht. Ich stelle mir die Dunkelkammer vor, als ein begleitendes Dispositiv, angereichert mit der Sprache der Künstler einer Ausstellung. Ein begleitendes Dispositiv für die Lösung kreativer Probleme in der Forschung, Entwicklung und Kunst. Ich kann Fragen an die Kammer richten. Die Fragen sind wie Fünckchen, die vor dem Hintergrund der mit Kunst getränkten Photoplatte einzigartige Lösungssequenzen enstehen lassen. Eine Art photo-chemisches Orakel. Um dieses Konzept der Dunkelkammer zu überprüfen, habe ich für diese Ausstellung einen Prototypen entworfen. Auf der Basis von Silizium-Kristallen. Aus Gründen der Sparsamkeit. Eine digitale Dunkelkammer. Ich habe dann Texte aller Teilnehmer dieser Ausstellung gesammelt, ohne Übereifer im öffentlichen Geflecht der digitalen Gefässe. Zeichen aus Gefässen mit runden Ecken und Rezessen, die von oben aussehen wie Gekritzel. Texte aus dunklen Kammern, über die gemunkelt wird, dass dort auch unsichtbare Teilchen und wohl auch Wellen zu finden seien. Wo könnte ein Text besser aufgehoben sein !

Zum Monitor , Sound

Dunkelkammer
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Ausschnitt aus einem Browserfenster. Die Digitale Dunkelkammer war während der Ausstellung im Internet zu finden (www.petervittali.net).


Anwendung der Dunkelkammer

Wie kann ich nun diesen Prototyp nutzen. Versuchen wir noch mal ein kreatives Problem zu lösen. Mit Hilfe der Digitalen Dunkelkammer. Stellen Sie sich vor, dass sie nach ihren Studien, nach ihren Bachelor, nach Ihrem Master und nach ihrem Postdoktorat mit dem Thema "20 Jahre Schweizer Weihnachtsausstellungen" noch ein paar Jahre zurückstudieren, in die Jahre der Verdienstkreuze und Heldenorden. Sie möchten dann erforschen, wie das Wuchern von Rangordnungen und Heldenauszeichnungen einherging mit der gleichzeitigen Unterdrückung von privaten Ecken und Kanten. Das Unwichtige und das Wichtige immer im Gespann. Sie möchten dann diese Ergebnisse extrapolieren auf das zeitgenössische Gespann von Pisa-Orden, Bologna-Kreuzen und Top-of-Helden einerseits und Überwachungskameras, Bewegungsbildern und genetischen Spray-Etiketten andererseits. Hier noch ein Rätsel: Wieviele Punkte müssen verbunden werden, um zurück zum Ausgangspunkt zu kommen? Zusatzfrage: Kommen wir um komplizierte Ecken oder genügt eine gerade Linie ? Aber ich bin vom Thema abgekommen und kehre zurück zur Digitalen Dunkelkammer.

Spraydose schütteln

Neben wir zum Beispiel das Wort Kamera als Fünkchen für die Digitale Dunkelkammer zur Top-of-Ausstellung: Hier die Antwort: "aber still und schauen nach oben, in die Kameras. So sieht man die archetypischen Figuren" Nehmen wir dann das Wort Spray (schütteln) als Fünkchen für die Digitale Dunkelkammer zur Dokumenta 12: "by two metal spheres in an almost empty 400ml spray paint can back"


suchen
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Die Ergebnisse der Dunkelkammer nach Eingabe des Begriffes "suchen".



Nachdem ich diese Antworten eine Weile betrachte habe, wurde ich überrascht, von einer zweiten Lösung des 9 Quadrate-Rätsels. 400 ml spray paint nach oben. Alle 9 Quadrate sind miteinander verbunden, mit nur einer Linie. Der kreative Blick von oben auf einen Schlag, denn niemand hat gesagt, dass man zum Verbinden einen Stift nehmen muss.


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Bild 6

... denn niemand hat gesagt, dass man zum Verbinden einen Stift nehmen muss.


Die persönliche Dunkelkammer zur Nutzung des Ausstellungspotentials für eigene Zwecke

Sie können die Dunkelkammer von sich daheim aus nutzen. www.petervittali.net. Die Nutzung ist frei. Frei nicht wie in Freibier, sondern wie in freie Rede. Die Nutzung ist kostenlos. Vielleicht suchen Sie ja nach Inspirationen für ihren nächsten Master-Abschluss-Vortrag zum Thema "20 Jahre Schweizer Freizeitparks". Oder sie haben Lust auf eine eigene Dunkelkammer. Dort drüben, als Beispiel, neben der Ecke hängt mein persönlicher Giftschrank der glasklaren Betäubungsmittel für zeitgenössische Zwecke. Gelatinestreifen aus geklontem Knirpselbrei als Schutzfolie zu ihrer eigenen Sicherheit. Als die künftig zugewiesene Hülle ihrer privaten Ecken und Ängste in den beiden verbliebenen Dimensionen. Ihre persönliche Raumfolie. Dort in der Ecke ist auch ein kleines Computerprogramm, nur 1 Seite zum Mitnehmen, zum sparsamen Stehlen von Texten. Des Nächtens, während sie sich von der Arbeit erholen. Natürlich ist die Dunkelkammer an sich völlig unwichtig. Wichtig ist die langsame Entwicklung von stehenden Bildern und Wellen mit sparsamen Funken auf der Folie fremder Potentiale. Sie können sich auch dieses kleine Buch an der Kasse besorgen, zur Zeit noch frei in der Rede und fast kostenlos mit vielen Potentialen. Oder sie besuchen jetzt, gleich im Anschluss an das Rätseln, die Performance "Meine Soldatin" von Barbara Nägelin.


Literatur